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Bericht über das Turnier in Abu Dhabi

(Blasius Nuber, 2015-09-10)

Bericht vom 22. Abu Dhabi International Chess Festival

Nachdem ich in diesem Jahr bereits bei einem Schachturnier in Malaysia teilgenommen hatte, verschlug es mich dieses Mal in den Nahen Osten, um genau zu sein, in die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, Abu Dhabi. Ich folgte hierbei der Empfehlung meines langjährigen Schach-Freundes Ahmed Khouri Abbas aus Abu Dhabi.

Das Turnier ist neben dem Dubai Open das einzige größere im Bereich der arabischen Halbinsel und ist aufgrund des hohen Preisgeldes (Gewinner bekommt 12.000 USD) auch bei Großmeistern aus aller Welt beliebt. Die Transfers vom und zum Flughafen wurden durch den Ausrichter bereitgestellt. Unterbringungs- und Spielort zugleich war das 5*-Hotel „Sofitel Corniche Abu Dhabi“, das für die Schachspieler Sonderkonditionen anbot. Die „Corniche“ ist die Strandpromenade Abu Dhabis, die zu Ehren des Schachturniers mit den Flaggen der einzelnen Teilnehmer-Länder (aufgrund meines Erscheinens auch die Deutsche!) geschmückt wurde. Mich begleitete und betreute ein guter, nicht-schachspielender, Freund mit dem ich fast jeden Tag vor der Partie Abu Dhabi, Dubai oder auch den Oman erkundete.

Der Turnier-Ablauf sah 9 Runden Schweizer System vor, wobei die Bedenkzeit ungewöhnlich war: 90 Minuten + 30sec/Zug OHNE zusätzliche Zeit nach dem 40. Zug. Gespielt wurde immer abends um 18 Uhr, bei einer Doppelrunde und im Gegenzug einem freien Tag. Für mich neu- weil ich auch nie in einem derart streng-muslimischen Land gespielt hatte- war die 10-minütige Gebetspause während jeder Partie, in der die nicht-betenden Spieler sich mit Kaffee, Tee und Gesprächen die Zeit vertreiben konnten.

Die Eröffnungsfeier fiel sehr pompös aus. Unter den vielen Ehrengästen befand sich auch der Bildungsminister der Emirate, es gab viele Reden auf Arabisch (auch ein Gebet zum Wohle des Turniers) und Englisch. Zudem Auftritte von einer Geigerin, einem Speed-Painter, eine LED-Show und überall schwirrten Kameraleute und Fotografen durch den Saal.

Das Startfeld des „Masters-Turnier“ war bei 44 Großmeistern und etlichen anderen Titelträgern unter 120 Teilnehmern sehr stark besetzt. Anhängend wurde aber auch noch ein „Open-Turnier“ für Spieler unter 2000 Elo und ein Jugendturnier ausgetragen. Ich befand mich im Masters-Turnier auf Startposition 73 und durfte somit gleich in der ersten Runde mit Weiß gegen die Nummer 7, GM Areshchenko ran. Überraschenderweiße hatte ich die Partie gut im Griff und somit blieb dem ukrainischen Großmeister nichts anderes übrig, als in eine Stellungswiederholung einzuwilligen. In der nächsten Runde musste ich allerdings gegen den venezolanischen GM Iturrizaga die Segel streichen. Am 3. Spieltag folgte dann die Doppelrunde, bei der ich zuerst unglücklich gegen einen jungen Usbeken verlor und anschließend meinerseits in eine Stellungswiederholung gegen einen Syrer einlenken musste. Daraufhin gewann ich aber in einem langen, remislichen Damenendspiel gegen meinen Konkurrenten aus Brunei meine erste Partie des Turniers (mein Begleiter schien schon die Hoffnung zu verlieren). In der letzten Runde vor dem freien Tag gab ich nach ungenügender Eröffnungsbehandlung bald Remis gegen meine Indische Gegnerin.

Für den spielfreien Freitag (Freitage sind Feiertage in muslimischen Ländern) hatten die Organisatoren eine Tour durch Abu Dhabi und Dubai geplant. Immerhin 30 Teilnehmer und Begleiter nahmen anfänglich das Angebot wahr und konnten Ferrari World, Sheikh Zayed Grand Mosque, Dubai Mall, Dubai Fountain und den Burj Khalifa bewundern.
Als Alternative fand zur gleichen Zeit für alle, die noch nicht genug Schach gespielt hatten, ein Blitz-Turnier statt, bei dem der Sieger 1000 USD einstreichen konnte.

In der folgenden Runde am Samstag konnte ich sehr glücklich gegen einen jungen Jordanier gewinnen. Er hatte mich eigentlich komplett überspielt, übersah jedoch zwei kleine Abwicklungen und musste sich letztlich in einem verlorenen Endspiel vergeblich wehren. Zur 8. Runde schaffte ich es, wie zuvor auch schon in der 2., leider nicht ganz rechtzeitig ans Brett, da uns der Berufsverkehr auf dem Rückweg aus Dubai in die Quere kam. Noch relativ gestresst und unkonzentriert, beschloss ich, lieber ein Remis gegen einen Inder einzustreichen, bevor ich noch etwas anstellen konnte. Auch zur letzten Partie erwartete mich ein Inder, welcher jedoch nicht mit einer Punkteteilung zufrieden war, sondern seine Stellung überschätzte und überzog. Somit stand ich letztendlich mit 5 Punkten aus 9 Runden auf Platz 51 und einem leichten und verkraftbaren Elo-Minus von 4 Punkten da.

Das Turnier gewann GM Grandelius aus Schweden mit 7 Punkten vor den punktgleichen GM Kravtsiv aus der Ukraine und GM Jobava aus Georgien. Mit großer Spannung und der Frage, was sich die Organisatoren zum Abschluss wohl noch überlegt hatten, erwartete ich die Siegerehrung. Meine Vorfreude verstrich allerdings sehr schnell. Die Ehrung wurde -bis auf das Grußwort der Spieler durch GM Rapport aus Ungarn- rein arabisch moderiert und war auch sonst schlecht organisiert, sodass man z.B. bereits für den nächsten Preisträger applaudierte, während ein anderer gerade erst die Bühne und seine Preise erreichte. Leider ein unwürdiger Abschluss für ein sehr beeindruckendes Turnier.

Dennoch fällt mein Fazit über die 11 Tage im Nahen Osten sehr positiv aus! Das „Spiellokal“, sprich das Hotel, war herausragend! Ich habe noch nie so luxuriös genächtigt und gegessen wie dort. Im Spielsaal selbst hatte jeder Spieler genug Platz und die Toiletten waren direkt um die Ecke. Das Einzige, was es hier vielleicht zu bemängeln gab, war die Aufdringlichkeit der Fotografen und Kameraleute. Da jede Runde nicht nur die Partien an sich, sondern auch der gesamte Spielsaal mit Spielern etc. auf einem eigens eingerichteten Youtube-Kanal übertragen wurde, befanden sich auch immer drei Kamerateams im Saal. Die Fotografen ihrerseits arbeiteten die ganze Partie lang auch mit Blitz. Vor dem Hintergrund dessen, dass es der Bekanntheit und Öffentlichkeitswirkung des Schachs allerdings enorm weiterhilft, duldeten es wir Spieler einfach.

Da ich nicht unbedingt mit dem Ziel anreiste, den 1. Platz zu belegen, sondern auch etwas von Land, Kultur und Menschen sehen wollte, war der Zeitplan des Turniers perfekt. Mein Kompagnon und ich erkundeten jeden Tag die Gegend: wir mieteten uns einen Wagen, um in die Oasenstadt Al Ain (ehemaliger Austragungsort einer Schach-Jugend-WM) und den Oman zu fahren, machten einen „Dhow-Cruise“ auf dem Meer vor der beeindruckenden Skyline Abu Dhabis, sahen auf dieselbe von der höchsten Aussichtsplattform der Stadt -befindlich in den Etihad Towers- aus 300 Metern Höhe herab. Wir besuchten mit dem „Emirates Palace“ ein 7*-Hotel, mit der Ferrari World den größten Indoor-Themenpark der Welt (unabhängig der Exkursion am freien Tag) und fuhren mehrmals die schnellste Achterbahn der Welt, einen riesigen Wasserpark mit mehr als 30 Rutschen, die Formel-1-Strecke Abu Dhabis, die Dubai Mall und Fountains und betrachteten Dubai aus der Vogelperspektive, indem wir von 555 Metern Höhe aus dem Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt, herabblickten. Da die Emirate aber nicht nur aus Städten und Beton bestehen, nahmen wir noch an einer Wüstensafari inklusive Kamelreiten und „Sandsurfen“ teil.

Auch mein Freund Ahmed führte uns mehrmals zu Plätzen und Sehenswürdigkeiten, die nur Einheimische kennen und hatte immer ein offenes Ohr für uns. Zudem schenkte er mir eine Dishdasha, ein traditionelles Gewand in den Emiraten.

Alles in Allem war es also ein sehr gelungener Trip, mal sehen, wo es mich als Nächstes hinverschlägt..

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